Schla­fen­de Au­to­mo­bil­schön­hei­ten

Ein Jahrhundert Patina

Diese 40 Autos stellen zunächst einmal keine homogene Auswahl dar. Was sie verbindet: Von Fritz Schlumpf persönlich zwischen 1958 und 1963 angekauft worden zu sein,. Sie wurden überstellt in sein Werk in Malmerspach, denn seine Wollspinnerei – inzwischen Automobilmuseum geworden – arbeitete in Mulhouse noch weiter, bis 1965. Er hat diese 40 unter den übriggebliebenen 130 Automobilen ausgewählt, um dem Museum angeschlossen zu werden, während 70 Weitere – und nicht die Schlechtesten – in ihrer ursprünglichen Heimstadt verblieben sind. Diese 70 sind erst nach dem Tod von Arlette Schlumpf. Im Jahr 2008 verkauft worden, zum größten Teil in die USA.

Was sie vor allem verbindet: Dass sie zum ersten Mal den Fundus des Museums in Mulhouse verlassen, was heute ein Ereignis erster Güte darstellt, wenn man ihren Dornröschenschlaf in der heimatlichen „Scheune“ in Rechnung stellt. Mehr als 20 von ihnen sind seit 70 Jahren intakt/gebrauchsfähig geblieben. Drei von ihnen sind hingegen ausgewählt worden, weil sie vollständig von Fritz Schlumpf restauriert worden sind (Alfa, Hurtu, Chassis Mercedes-Benz 770 K) und die gleichzeitig die Praktiken und die Auswahl der Eingriffe dieser Epoche veranschaulichen. Der Hispano ist vollständig restauriert, mit Ausnahme der Sitze, die heute (noch) fehlen. Hier zeigt sich die Sorgfalt, mit der bei der Demontage vorgegangen wurde. Der Bugatti-Krankenwagen, der Maserati und das Chassis 770 K bezeugen den Anfang der Restaurierungsbemühungen an der Karosserie. Der Silberpfeil zeigt eine recht andere Herangehensweise: Die hintere Partie ist „vollendet“, wohingegen die vordere Partie noch vollständig zerknautscht belassen worden ist: Das ist eine Art unvollendetes Gemälde, dass eventuell mangels fehlender finanzieller Mittel nicht vollendet wurde. Schließlich vervollständigen zwei weitere Wagen dieses Bild, die in den 1980er Jahren vom Museum angeschafft wurden: Der Hotchkiss und der De Dion Bouton. Sie sind in der gleichen Familie verblieben seit dem Verlassen der Fabrik und profitierten von den Eingriffen, die an dem originalen und seltenen Rahmen vorgenommen wurden, indem man sich strikt um ihre Konservierung bemühte. Sie illustrieren sehr schön die heutige Entwicklung der Rastaurierungspraktiken, die sich so diversifiziert und ausgedehnt haben, damit ein langes Überleben dieser Objekte gesichert werden kann.

Einige Blicke auf einen Wagen

Diese Autos könnten eventuell schockierend auf ein nicht-vorbereitetes Publikum wirken und zwar aus verschiedenen Gründen: Zunächst betreffs des Zustandes, in dem sie sich befinden, denn selbst wenn sie sich hier in einem alten Industriegebäude zeigen, befinden sie sich doch in einem Zustand, den man als „frisch aus dem Schuppen“ bezeichnen könnte. Der Eindruck wäre ein völlig anderer, wenn sie in einem brandneuen Museum gezeigt würden, mitten in einer Versammlung von blitzblanken Autos. Das Beispiel illustriert, dass der Blick, der auf diese Art von Objekten gerichtet ist, vor allem auf „Sammlerstücke“ in gewisser Weise schon konditioniert ist durch eine ganze Reihe bestimmter Umstände. In der Tat, ein Gemälde ist dazu gemacht, um an die Wand gehängt zu werden und ist die äußerste Form seiner Anerkennung als Kunstwerk. Ein bildhauerisches Werk ist dazu gemacht, um auf einem vornehmen Möbelstück zu prangen - andere um den öffentlichen Raum auszufüllen. Sie an einem anderen Ort zu zeigen, würde keinen Sinn machen, die ganze Wahrnehmung zerstören, auch wenn man ihnen nichts von ihrem Charakter als Kunstwerk nehmen würde. Gegensätzlich zum Gemälde hat ein Auto eine andere und vielfältige „Raumfüllung“. Es ist „an seinem Platz“ in der Straße, in der Werkstatt und im Autosalon - egal ob statisch oder in Bewegung, All dies gehört zu seinem normalen Leben. Darüber hinaus ist es dazu gemacht von außen gesehen zu werden – genau so wie um die Welt zu sehen, wenn man hinterm Steuerrad sitzt.

Für diese nicht-restaurierten Wagen wäre es das Beste, wenn eine vollkommene Harmonie zwischen dem Auto und seiner Umgebung herrschen würde, zum Beispiel hinten in einer Werkstatt oder einem Schuppen, um die Betrachter nicht zu verschrecken. Diese gleichen nicht-restaurierten Wagen würden in völlig anderer Weise betrachtet werden, wenn sie sich in einem modernen Kunstmuseum befänden. Sie würden beispielsweise vornehmlich ein Spiegelbild ihrer Zeit.